Sigmar Gabriel, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands
Gastbeitrag für SPD Südpfalz zum Thema: „Sozialdemokratische Visionen für Europa“
Mehr Mut für ein neues starkes Europa
Die europäische Einigung befindet sich in der tiefsten Krise seit ihren Anfängen. Was als Finanzmarktkrise begann, sich als Schuldenkrise in einzelnen EU-Staaten fortsetzte, ist zu einer Vertrauenskrise geworden, die die Europäische Union in ihrem Kern bedroht. Die Taktiererei und das viel zu lange viel zu zögerliche Krisenmanagement der europäischen Staats- und Regierungschefs haben die Krise zusätzlich verschärft. Immer neue immer größere Rettungspakete konnten nicht verhindern, dass sich die Krise weiter zugespitzt hat und das Vertrauen der Finanzmärkte in die europäische Währung weiter gesunken ist. Weil die europäischen Staaten es bisher nicht geschafft haben, mit ihren Rettungsmaßnahmen der Krise Herr zu werden, musste die Europäische Zentralbank einspringen und ihrerseits Staatsanleihen von Krisenstaaten aufkaufen. Hinzu kommt: Die rigiden Sparauflagen, an die vor allem die deutsche Bundesregierung Hilfen für europäische Krisenstaaten geknüpft hat, haben sich als zu einseitig erwiesen. Unstrittig ist, dass die aufgrund eigener Misswirtschaft und überhöhter Schulden kriselnden europäischen Staaten durch eigene Reform- und Sparanstrengungen kurzfristig ihre Zahlungsfähigkeit sicherstellen und mittelfristig neue Wettbewerbsfähigkeit erlangen müssen. Wenn überzogene Sparauflagen aber dazu führen, dass das wirtschaftliche Wachstum in diesen Ländern zum Erliegen kommt, die Arbeitslosigkeit in die Höhe schnellt und die Schere zwischen Arm und Reich sich noch weiter öffnet, dann ist dies kein geeigneter Weg zur Beilegung der Krise, sondern der sicherste Weg in ihre weitere Verschärfung. Griechenland steht im fünften Jahr in Folge eine Rezession bevor. Ohne wirtschaftliches Wachstum wird das Land seine Schulden jedoch kaum dauerhaft abbauen können. Es ist höchste Zeit umzusteuern, um weiteren Schaden von Europa und dem europäischen Einigungsprojekt abzuwenden. Worauf es jetzt ankommt ist, dass sich Europa auf seine gemeinsame Stärke besinnt und verlässt. Das geeinte Europa ist gerade dadurch gewachsen, dass die europäischen Staaten nicht auf ihren kurzfristigen eigenen Vorteil geschaut haben, sondern den langfristigen gemeinsamen Vorteil im Blick hatten. Diese politische Kultur kann und muss der Wegweiser auch durch die aktuelle Krise sein.
Haushaltsdisziplin und Wachstum in einer europäischen Wirtsschafts- und Fiskalunion zusammenbringen
Es reicht nicht aus, wie jetzt von der deutschen Bundesregierung vorangetrieben in einem europäischen Fiskalpakt die europäischen Regeln für Haushaltsdisziplin zu verschärfen und vertraglich festzuschreiben. Wir brauchen eine umfassendere Wirtschafts- und Fiskalunion, zu der neben Haushaltsstabilität auch eine gemeinsame Steuer- und Finanzpolitik sowie eine eng abgestimmte Wirtschaftspolitik gehören müssen. Nur auf diese Weise kann der Geburtsfehler des Euro, die Währungsunion nicht mit einer echten politischen Union zu verbinden, behoben werden. Auch wird erst eine starke gemeinsame europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik die dringend notwendigen Impulse geben können, um Wachstum und Innovation vor allem in den europäischen Krisenstaaten voranzubringen. Es ist ein großer Irrtum, wenn Bundeskanzlerin Merkel glaubt, allein durch Sparen Europa aus der Krise führen zu können.
Die politische Union Europas muss das Ziel sein
Wenn heute von Europa die Rede ist, dann immer weniger im Zusammenhang von Frieden und Versöhnung, von Freiheit und Emanzipation, sondern vor allem mit Begriffen der modernen Finanzmarktökonomie wie Rettungsschirm, Stabilitätsmechanismus, Umschuldung und Staatsanleihen. Die große Idee des geeinten Kontinents scheint zusammengeschrumpft zu der Frage, wie die Gemeinschaft der europäischen Staaten die Schuldenkrise in den Griff bekommen kann. Umso wichtiger ist es, gerade jetzt in der Krise deutlich zu machen, welch hohen politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ideellen Wert die europäische Einigung für Deutschland wie für Europa insgesamt unverändert hat. Rund 60 Prozent der deutschen Exporte gehen in die EU. Ohne den Binnenmarkt und den Euro wäre Deutschland nicht Exportweltmeister geworden. Wenn dieser Markt zusammenbricht, weil die Währung zusammenbricht, trifft dies kein Land härter als Deutschland. Und uns allen muss klar sein: Nur mit einem starken geeinten Europa haben wir Europäer eine wirkliche Interessenvertretung im globalen 21. Jahrhundert und können unsere demokratische und soziale Werteordnung wirksam behaupten. Heute steht Europa für 30 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung, 2050 werden es nur noch 5 Prozent sein. In 30 oder 40 Jahren werden weder Deutschland noch Frankreich allein eine nennenswerte politische und wirtschaftliche Rolle spielen können – im Vergleich zu den großen politischen und ökonomischen Regionen der Welt wie USA, China, oder Indien. Nur Europa als Ganzes hat eine Chance im globalen Wettbewerb von Ideen und Werten, von Politik und Wirtschaft. Europa muss jetzt in der Krise den Mut zu einer gemeinsamen Lösung haben, die mehr ist als nur der Versuch , das Schlimmste zu verhindern, sondern die Chance eröffnet, das europäische Einigungsprojekt in schwieriger Zeit neu zu begründen. Was wir jetzt brauchen ist ein mutiger Schritt nach vorn in eine neue starke politische Union Europas, eine europäische Föderation.
Sigmar Gabriel


