Zur Integration

Bevor ich mich zur aktuellen Integrationsdebatte äußere, möchte ich eine Frage an den Anfang stellen: Wie soll Integration überhaupt aussehen? Welche Anforderungen müssen erfüllt sein, damit wir von erfolgreicher Integration sprechen können?

Diese Frage kommt mir in der Debatte zu kurz und auch von der SPD erwarte ich mehr Anstrengungen in der Integrationspolitik. Deshalb bitte ich, neben allen Diskussionen über Einzelaspekte, diese Leitfrage im Hinterkopf zu behalten.

THESE 1: WIR HABEN EIN INTEGRATIONSPROBLEM

Sarrazin hat recht: Wir haben ein Integrationsproblem. Unterschiedliche Erfolge zwischen „Deutschen“ und türkischstämmigen MigrantInnen in Bildung und Arbeit, hohe Kriminalitätsraten und Parallelgesellschaften lassen sich nicht leugnen. Zwangsehen und Ehrenmorde, islamistischer Terrorismus und die Unterdrückung der Frau (beileibe keine muslimische Erfindung) sind in nicht zu dulden. All das sind Wahrheiten.

Unwahr ist, dass dies auf die Mehrheit der Menschen mit Migrationshintergrund zutrifft. Das wird vielleicht nicht direkt so behauptet, aber viele Aussagen sind verallgemeinernd und erwecken diesen Eindruck. Unwahr ist, dass nur die MigrantInnen, ihre Religion, ihre Kultur oder gar ihre Gene schuld wären. Sarrazin argumentiert zu oberflächlich, zu einseitig und zu sehr nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Wer den Wert eines Menschen nur an seinem ökonomischem Nutzen festmacht, der stellt die Wirtschaft über die Würde des Menschen. Und bewegt sich damit selbst nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes.

THESE 2: „DEUTSCHE“ MÜSSEN INTEGRATIONSWILLIGER SEIN

Woher kommt der Integrationsunwille bei manchen MigrantInnen? Wir schaffen zu wenige Perspektiven. In Schule, Beruf und Gesellschaft. Vor allem diese Perspektivlosigkeit schafft Unwillen.

Wir müssen uns auch fragen, wie integrationswillig wir überhaupt selbst sind. Woran liegt es denn, dass man in Landau eher eine Wohnung findet, wenn man eine hellere Hautfarbe hat? Warum wollen viele möglichst wenige „Ausländer“ in der Schulklasse ihrer Kinder? Sind wir bereit, eine türkische Familie im Nachbarhaus willkommen zu heißen? Oder eine Moschee? Integration kann nur funktionieren, wenn sie von beiden Seiten gewollt ist. „Die sollen sich mal integrieren“, kann gar nicht funktionieren.

THESE 3: WIR MÜSSEN DAS GYMNASIUM ABSCHAFFEN

Die einzige Herkunft, die bei vielen Integrationsproblemen wirklich entscheidend ist, ist die soziale Herkunft. Und die ist in Deutschland für den schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Erfolg leider entscheidender als Begabung oder Leistung. Der soziale Aufstieg gelingt in Deutschland wesentlich schlechter als in vielen anderen Ländern. Viele Zuwanderer gehören zu den unteren Schichten. Verschärfend kommen Sprachprobleme, unterschwelliger und offener Rassismus und gesellschaftliche Diskriminierung dazu. Die beste Integrationspolitik ist eine vernünftige Bildungs-, und Sozialpolitik. Wer wirklich Integration will, der muss die Gymnasien abschaffen. Dagegen stellt sich aber ein Großteil des integrationsunwilligen Bürgertums.

THESE 4: GEGEN KRIMINALITÄT HILFT NUR SOZIALE GERECHTIGKEIT

„Wir haben zu viele kriminelle, jugendliche Ausländer!“, war der Titel der letzten Debatte, die von einem Rechtspopulisten angestoßen wurde. Wie Sarrazin so hatte sich auch Roland Koch auf vermeintliche Fakten berufen. Ebenso sah er nur die nackten Zahlen und vermied, die Statistiken in einen weiteren Kontext zu setzen.

Ein jugendlicher, männlicher Migrant aus der Unterschicht neigt ungefähr in dem Maße zu kriminellen Handlungen, wie es ein jugendlicher, männlicher „Deutscher“ aus der Unterschicht tut. Ein Migrant aus der Mittelschicht ist tendenziell ebenso wenig kriminell, wie ein „Deutscher“ aus der Mittelschicht. Die ethnische Herkunft spielt nahezu keine Rolle! In der Statistik lässt sich dieser scheinbare Zusammenhang nur herstellen, weil die rein „deutsche“ Gesellschaft anders zusammengesetzt ist als die der MigrantInnen. Weil MigrantInnen prozentual gesehen wesentlich eher in der Unterschicht bleiben, sind sie prozentual gesehen auch eher kriminell. Die beste Sicherheitspolitik ist eine vernünftige Bildungspolitik.

THESE 5: SARRAZIN IST KEIN SOZIALDEMOKRAT

Sarrazin mag (noch) SPD-Mitglied, ein Sozialdemokrat ist er schon lange nicht mehr, wenn er überhaupt je einer war. Nicht erst seine Äußerungen der letzten Tage und Wochen lassen auf ein Weltbild schließen, dass mit den Grundwerten der Sozialdemokratie unvereinbar ist. Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und der Glaube an den sozialen Aufstieg bilden das Fundament der Sozialdemokratie. Die Anfeindungen gegen Fremde und soziale Unterschichten, die in Sarrazins Aussagen mitschwingen, sind davon meilenweit entfernt. Deshalb wäre es inhaltlich konsequent, ihm das Parteibuch zu nehmen.

Über den Wahrheitsgehalt seiner „Wahrheiten“ war schon viel zu lesen. Zum seinen genetischen Aussagen empfehle ich folgende Artikel:

Gene und Intelligenz: http://www.sueddeutsche.de/kultur/sarrazin-intelligenz-definieren-gehirn-und-erbse-1.994940

Ein Humangenetiker stellt richtig: http://www.stern.de/wissen/mensch/humangenetiker-zu-sarrazin-thesen-es-gibt-kein-juden-gen-1599193.html

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9 Antworten zu Zur Integration

  1. bandler schreibt:

    So langsam verstehe ich die SPD überhaupt nicht mehr. Da wollen die den Sarrazin aus der SPD werfen und wollen das noch nicht mal das schriftlich begründen. Es wird echt mal Zeit, dass meine Buchhandlung das Buch heranschafft, dass ich mir selbst ein Bild machen kann. Aber, meiner Meinung nach ist das Verhalten der SPD nicht sehr fair.

  2. thomashitschler schreibt:

    Wir sollten immer wieder neu definieren, was Sozialdemokratie bedeutet. Für mich und in diesem Fall auch für die SPD-Südpfalz bin ich sicher, was es jedenfalls nicht bedeutet: Fremdenfeindlichkeit, Extremismus (sowohl im linken als auch im rechten Spektrum) und Chauvinismus! Rassismus und faschistischer Biologismus haben in unsere Partei wie auch in der Gesellschaft keinen Platz! So sehen es auch die Verfassung und das ihr zugrunde liegende Wertekonstrukt der Bundesrepublik Deutschland.
    Um dieses Gerüst müssen wir unsere Überlegungen aufbauen. Wer sich in diesem Rahmen bewegt und wer sich an den Idealen unsere Partei orientiert (Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität – und zwar in dieser Reihenfolge) muss sagen können was er will. Voltaire hat einmal den beachtlichen Satz geschrieben „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst“. Ich erachte es als Gradmesser der Stärke einer pluralistischen Demokratie, ob sie sich mit unangenehmen Meinungen inhaltlich auseinander setzen kann oder aber kritische Meinungen unterdrücken und verbieten muss. Die moralische Zulässigkeit einer Person darf nicht die Stichhaltigkeit ihrer Aussagen zum Problem der Integration vernebeln!
    Klar, Genosse Sarrazin hat wohl überzeichnet. Die alte Weisheit, dass der Ton die Musik macht, hat er gelegentlich nicht beachtet. Gleichwohl hat er sich kritisch an ein Thema herangewagt, welches vielen handelnden politischen Akteuren zu kniffelig war. Nur auf Sarrazins Missklänge hinzuweisen ist dabei billig!
    Es sollte uns eher Ansporn sein, diese Debatte aufzunehmen und zu führen – ohne Scheuklappen, ohne historische Vorbehalte und auf Nachhaltigkeit ausgerichtet.
    Daher meine 5-Thesen – in Anlehnung an die Thesen von Simon:

    1. Wir brauchen Einwanderung! Deutschland war schon immer ein Einwanderungsland. Unsere Kultur konnte sich besonders dadurch entwickeln, dass sie durch zahlreiche Einflüsse geprägt wurde. Gleiches gilt für uns als Industrienation. Wir brauchen auch heute Einwanderer in allen Beschäftigungsfeldern, um unsere Produktion aufrecht erhalten zu können. Deutschland ist ein multikultureller Staat und dass ist auch gut so!

    2. Es gibt in jeder Gemeinschaft eine Leitkultur an der man sich orientieren muss. Diese basiert auf unserem christlich geprägten Wertesystem und ist die Grundlage der Deutschen Demokratie. Die Leitkultur entwickelt sich von Generation zu Generation fort und wird dadurch auch durch Einwanderung mitgeformt und umgebildet.

    3. Der Zugang zur Bildung muss für alle gleich möglich sein – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Ethnie. Bildung sichert die gelungen Integration.

    4. Integration kann nur über Sprache gelingen. Nur wer die deutsche Sprache sprechen, schreiben und lesen kann ist befähigt als Teil unserer Gemeinschaft erfolgreich zu bestehen Dies ist als grundlegende Voraussetzung für alle Integrationsbemühungen zu sehen und vorbehaltlos durchzusetzen.

    5. Bei uns ist kein Platz für Extremismus. Wer gegen die Grundwerte der Demokratie agiert muss mit allen Mitteln des Rechtsstaates verfolgt werden. Ich meine damit Linksradikale, Rechtsradikale und religiöse Fanatiker aller Konfessionen. Die ethnische Herkunft spielt dabei keine Rolle.

  3. Karl Murks schreibt:

    Meiner Meinung nach ist Integration immer noch eine individiulle Sache, für die jeder selbst verantwortlich ist. Allerdings müssen dafür auch die Voraussetzungen geschaffen werden, z.B. einen kostenlosen Kindergartenplatz für jedes Kind, vernünftige Schulbildung usw. In Deutschland hat nun Mal jeder das Recht so zu leben wie er möchte, deshalb kann man niemanden zu etwas zwingen. Aber ich denke wenn man den Leuten der „Unterschicht“, wie sie hier so schön bezeichnet wird, Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg bietet, werden diese auch genutzt. Nur leider passiert im Moment genau das Gegenteil, die Spaltung der Gesellschaft wird immer mehr vorangetrieben, der Anteil der Armen nimmt immer mehr zu, auch „deutsche Ureinwohner“ werden in finanzielle schlechte Situationen getrieben, aus denen sie sich auch über Generationen hinweg nicht befreien können.
    Intelligenz ist sehr wohl vererbbar, aber nicht über Gene sondern über Geld! Solange sich an unserem Bildungssystem nichts ändert wird sich auch am „Integrationproblem“ nichts ändern! Mangelnde Sprachkenntnisse, Perspektivlosigkeit, Kriminalität sind keine „Ausländerprobleme“, sondern Probleme sozial Benachteiligter. Und was in der Schule endet geht in der Wirtschaft weiter. Warum hat sich noch niemand Gedanken über eine Quotenregelung für Geringqualifizierte gemacht? Die Wirtschaft trägt doch auch eine gesellschaftliche Verantwortung, nicht jeder kann Abitur machen, auch Menschen mit geringerer Bildung müssen doch eine Chanche bekommen ihrem Leben einen Sinn zu geben.

    Diese ganze Debatte redet an eigentlichen Problemen vorbei, die keiner wahrhaben will. Da wird wieder „denen“ die Schuld gegeben, die „uns“ etwas wegnehmen wollen. Es sind doch alle Menschen gleich, jeder sollte das Recht haben auf die Art und an dem Ort zu leben wo er möchte. Alles andere ist menschenverachtend. Zu erwarten das sich jeder, der hier herkommt, gefälligst anzupassen hat, zeugt nur von Arroganz und dass viele Deutsche sich immer noch als bessere Menschen sehen. Dieser Gedanke muss aufgegeben werden, dann sind die Menschen auch bereit miteinander zu leben und andere Vorstellungen zu akzeptieren. Dazu gehören übrigens auch Linksradikale, Rechtsradikale und religiöse Fanatiker aller Konfessionen, Herr Hitschler. Nur weil es nicht in ihr Weltbild passt, kann immer noch jeder denken was er will, solange er keinem anderen damit schadet.

  4. Josef Rothe schreibt:

    Sollen wir den Amokläufern von Winnenden, Emsdetten oder Erfurt dankbar sein, dass sie eine längst fällige Diskussion über schärfere Kontrollen der Waffengesetze angestoßen haben? Wohl kaum. Ebenso wenig kann ich den teilweise verständnisvollen Ton gegenüber Herrn Sarrazin nachvollziehen. Teilweise Recht, hat schließlich jeder Narr.

    Integration beginnt aber da, wo Menschen sich in eine Gesellschaft, Gruppe oder Partei einfügen können, sollen oder müssen. Dabei ist es immer leicht Forderungen aufzustellen. Wer nicht kann oder will, bleibt außen vor und wird sanktioniert. Sich integrieren heißt aber nicht, sich zu unterwerfen, sondern sich einzufügen. Seine Eigenart behalten dürfen und sollen. Darin unterscheidet sich die Sozialdemokratie von den konservativen Parteien.

    Will man ernsthaft über Integration diskutieren, sollte man sich neben den Forderungen auch Gedanken darüber machen, mit wie viel Eigenart des Einzelnen oder der Gruppe man leben will, kann, soll und muss. Denn Integration bedeutet auch Veränderung für die Gruppe, welche Emigranten aufnimmt.

    Dabei sollte die SPD als Partei der Aufklärung, auch mit gutem Beispiel vorangehen und mit Herrn Sarrazin eine Diskussion oder einen Streit führen und aufklären, wo er irrt. Denn wenn Irrtümer, Halbwissen, falsche Schlussfolgerungen oder eigentümliche Gesellschaftsbilder dazu führen, aus der Partei ausgeschlossen zu werden, dann müssten einige Ihr Parteibuch abgeben. Denn die Argumentation im Bezug auf gesellschaftliche Eliten, die bisweilen auch in unserer Partei geführt wird, ist der des Herrn Sarrazin sehr ähnlich und ebenso dumm.

    Wenn man hierzu die Vorsitzende des Vertriebenenverbandes und CDU-Vorstandsmitglied Frau Erika Steinbach hört, fällt es sogar mir bisweilen schwer, nicht zu verallgemeinern und Verständnis für die Vertreibung zu entwickeln. Denn diese Dame demonstriert, dass Integration auch in den letzten 55 Jahren nicht immer gelungen ist.

    Und dennoch. Wenn wir die Gesellschaft voranbringen wollen, müssen wir diskutieren und streiten, aber auf keinen Fall ausschließen. Dies gilt beispielsweise und insbesondere auch für Herrn Sarrazin, Herrn Clement, Herrn Lafontaine, Herrn H.-J. Vogel, Herrn Müntefering, Frau Nahles, Herrn Helmut Schmidt usw., welche alle gelegentlich sehr eigentümliche Ansichten hatten und haben, welche weder in unserer Partei noch in der Gesellschaft mehrheitsfähig sind und uns bisweilen sogar geschadet haben. Wir müssen Demokratie nicht nur wagen, sondern auch aushalten.

  5. Torsten Ochsenreither schreibt:

    Hallo, auch ich habe die Debatten über das Buch und die Person Sarrazin verfolgt. Der Eindruck der dadurch erweckt bzw. verstärkt wird ist, so empfinde ich es zumindest, das es eine große Ausländerfeindlichkeit unter den sogenannten deutschen Mitbürgern gibt. Ich habe zuvor nicht so empfunden. Willie Lynch der bedeutende Sklavenhalter hat sich schon damals die Unterschiede seiner Sklaven zu nutze gemacht um sie zu kontrollieren. Ein mächtiges Instrument zur Beeinflussung von Menchen. Ich glaube, wenn wir weniger die Unterschiede und mehr die Gemeinsamkeiten als Basis für die Integrationspolitik nutzen, wäre dies der bessere Weg. Der Negativismus der Medien helft da nicht wirklich, wie sonst auch.
    Mein Leben war bisher immer begleitet von Menschen mit Migrationshintergrund die sich in Deutschland wohlfühlen und auch eine Bereicherung für mein Leben sind und waren.

    Zur Person Sarrazin:
    Ja, es gibt kulturelle Unterschiede und es gibt Statistiken dazu und man sollte diese auch nutzen um die politischen Weichen zu stellen. Die menschenverachtente Art und Weise, wie er die Sachverhalte beschreibt ist nicht ok.

    Eine gemeinsame Sprache ist die Basis um mit Menschen zu kommunizieren. Wenn Migranten dies nicht können ist es sicherlich ein Nachteil für beide Seiten. Wenn man nicht in der Lage ist mit Menschen zu interagieren kann man sicherlich nicht von einer erfolreichen Integration sprechen. Deswegen wäre Sprachunterricht bei mir Pflicht. Das reicht natrürlich nicht aus. Bildung bedeutet Chansengleichheit. Vielleicht sollte es auch bei den Schulen und Gemeinden entsprechende interkulturelle Projekte geben um die Integration zu fördern. Jeder einzelne muss aber dazu beitragen damit es eine Besserung gibt.

    Darf eine Person im öffentlichen Leben alles sagen?
    Nein, weil er als Repräsentant der Bundesrepublik damit Schaden im In- und Ausland anrichtet. Innerhalb der SPD ist es der selbe Sachverhalt.
    Als Privatperson, die er dann ist, kann er wieder neue Bücher schreiben. Jedoch fehlt dadurch die Brisants und die Bücher würden sich nicht mehr so gut verkaufen.

    Da dieser Punkt bei allen Debatten eine Rolle spielt: „Wir leben in einem freien Land und jeder kann machen und sagen was er will“. Das ist nicht so. Es gibt Gesetze in denen die Einschränkungen, die dem Wohle der Gesellschaft dienen sollen, formuliert sind.

    @simon
    Wer wirklich Integration will, der muss die Gymnasien abschaffen.
    Kannst du diese Aussage bitte erklären.

  6. Simon Lavo schreibt:

    @Torsten: Meiner Meinung nach sind die meisten Integrationsprobleme, die wir haben, eigentlich eher soziale Probleme, bei denen die soziale Herkunft die entscheidende Rolle spielt. Dass die Bildungserfolge bei vielen Menschen mit einem bestimmten Migrationshintergrund vergleichsweise so schlecht sind, hängt vor allem damit zusammen, dass diese meist aus den unteren Gesellschaftsschichten kommen. Nicht zuletzt Bildungsstudien wie PISA oder IGLU belegen recht deutlich, dass in Deutschland der Bildungserfolg extrem von der sozialen Herkunft abhängt. Das gilt für „deutsche“ Kinder genauso, auch wenn bei den Kindern mit Migrationshintergrund noch verschärfende Probleme bei der Sprache oder mit schlechteren Beurteilungen (was nicht bewusst geschehen muss) dazukommen. Dass diese Abhängigkeit vom Elternhaus gerade in Deutschland so extrem ist, hat meiner Einschätzung nach sehr viel mit dem Bildungssystem zu tun. Das mehrgliedrige Schulsystem selektiert sehr früh und sehr stark. Gerade beim Übergang von der Grundschule zu den weiterführenden Schulen zeigen Untersuchungen, dass die Schulempfehlung weit mehr vom sozialen Hintergrund abhängt, als von den erbrachten Leistungen. Das ist leider sogar unabhängig davon, ob die Lehrerempfehlung oder der Elternwille über den weiteren Schulweg entscheiden.

    Meiner Meinung nach wäre die Integrierte Gesamtschule das bessere und gerechtere Schulsystem als das aktuell bestehende. Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass Gymnasien mitnichten bessere Leistungen garantieren. Im innerdeutschen Vergleich werden die Ergebnisse dadurch verzerrt, dass die IGSen nicht die Regelschulen sind und viele leistungsstarke Schülerinnen und Schüler stattdessen auf die Gymnasien gehen. Das System funktioniert meiner Meinung nach aber nur richtig, wenn es nur noch die eine Schule gibt. Die Bildungserfolge der Kinder aus sozial schwächeren Hintergünden (oft eben auch MigrantInnen) würden sich wesentlich steigern lassen, ohne dass die Leistungen der „stärkeren“ SchülerInnen dadurch wirklich leiden würden (wie gerne behauptet). Dafür würden sich zudem die sozialen Kompetenzen wesentlich besser ausbilden. Im mehrgliedrigen System ist es doch so, dass an den Gymnasien überwiegend „deutsche“ Kinder aus den Bildungsbürgertum fast alleine unter sich sind, an den Hauptschulen dagegen der Großteil der MigrantInnenkinder sitzt. Dass dies integrationshemmend wirkt, kann man sich an einer Hand abzählen.

    Ich studiere selbst Lehramt und habe mich mit den genannten Studien zu dieser Frage etwas intensiver auseinandergesetzt und kenne neben der Theorie in der Praxis sowohl das Gymnasium (aus meiner eigenen Schullaufbahn) als auch die Integrierte Gesamtschule (aus einem gerade abgeschlossenen vierwöchigen Praktikum). Das oben Beschriebene deckt sich sowohl mit den Studien als auch mit meiner Erfahrung.

    @Thomas: Ich widerspreche deinen Punkten 2 und 5. Das Konstrukt der Leitkultur finde ich problematisch, zudem muss diese definiert werden. Bezieht sie sich nur auf den Verfassungskern, kann man dabei kaum von einer Kultur sprechen. Enthält sie weitere Elemente, finde ich sie sehr unzureichend und unzutreffend. Auch halte ich das Christentum nur für eine von vielen Wurzeln, auf denen unsere Gesellschaftsordnung basiert. Die direkten Zusammenhänge von Religion und unserer Demokratie würde ich auch stark hinterfragen (hat wohl mehr mit römischem Republikanismus, hellenistischem Demokratieverständis und den humanistischen Werten der Aufklärung zu tun).

    Auch den Umgang mit dem „Extremismus“-Begriff finde ich zu oberflächlich. Er geht meiner Meinung nach von einem falschen und zu eindimensionalem politischen Gesellschaftsbild aus, dass eine schwammig definierte Mitte als „Gut“ und angeblich vorhandene Ränder als „Böse“ darstellt, ohne sich mit den Hintergründen genauer zu beschäftigen. Er verwischt zudem, dass „Extremismen“ wie der Nationalsozialismus nicht von einem Rand, sondern eben aus der gesellschaftlichen „Mitte“ kamen. Und es ist unklar, wo die Grenzen gezogen werden. Die politisch aufgedrückte Bestimmung der „Extremen“ ungefragt zu übernehmen und diese als per se demokratiefeindlich anzunehmen und ihnen ihre Existenzberechtigung allein deshalb abzusprechen (und damit den Eindruck zu erwecken, alle „Nicht-Extremen“ seien damit ja demokratiefreundlich) halte ich für zu kurz gegriffen. Wo beginnt religiöser Fanatismus? Wann ist eine „radikale“ Position demokratiefeindlich? Das alles will ich dir jetzt nicht direkt unterstellen, aber in den öffentlichen Debatten schwingt dies häufig mit.

  7. Wolfgang Thiel schreibt:

    Sarrazin hat kein Platz in der SPD!
    Mit seiner Rassentheorie in Verbindung mit Integration hat er das Fass zum überlaufen gebracht. Zu seiner Verteidigung reicht es nicht aus, dass hier einige Leute auf Meinungsfreiheit hinweisen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Sarrazin besser „seine Meinung“ bei der NPD kundtun würde, als bei der SPD.
    Übrigens: auch in der Nazi- oder DDR-Diktatur wurde das Eine oder Andere richtig erkannt und gesagt, aber das wiegt doch die abscheulichen Gräueltaten und Menschrechtsverletzungen, die in den Diktaturen geschehen sind, in keinster Weise auf!
    Deshalb gibt es aus meiner Sicht auch bei Sarrazin keine Kompensation für seine unsinnigen Rassenthesen vs. durchaus nachdenkenswerten Überlegungen zur Integration!
    Mein Standpunkt als Sozialdemokrat ist völlig klar: bei der Güterabwägung von Grundrechten, kommt die Meinungsfreiheit dann an ihre Grenzen, wenn elementare Grundwerte, die die Würde des Menschen betreffen, verletzt werden!

  8. Thomas Merz schreibt:

    Ich stimme meinen Mit-Bloggern zu, die Bildung bzw. Zugang zu Bildung als eines der zentralen Elemente von Integration bereits herausgestrichen haben. Bildung schafft aber nicht nur Wissen als Voraussetzung für Ausbildung oder Studium, Bildung vermittelt auch allgemeine positive Werte, wie beispielsweise Fleiß, den Leistungsgedanken sowie persönliche und soziale Kompetenzen. Wer Bildung daher als Chance annimmt, wird in unserer Gesellschaft auch eine Chance auf ein freies, selbstbestimmtes Leben haben. Wer die Möglichkeiten unseres Bildungssystems -auch mit unterstützender Förderung – nicht nutzt, dem werden sich auch keine Chancen eröffnen, das war so und das wird auch in der Zukunft so sein. Und ich mache da bewusst überhaupt keinen Unterschied zwischen Deutschen und Mitbürgerinnern/Mitbürgern mit Migrationshintergrund.

    Die „Einheitsschule“ soll die Probleme lösen? Sorry, das glaub ich nicht. Ich wage die These, dass Rheinland-Pfalz gerade deswegen im nationalen Bildungsvergleich so gut abschneidet, weil die Schullandschaft so vielfältig ist und Durchlässigkeit damit auch Chancen ermöglicht. Das Prinzip „Das eine tun, ohne das Andere zu lassen“ ist aus meiner Sicht DER wesentliche Erfolgsfaktor der rheinland-pfälzischen Bildungspolitik. Zudem halte ich es für zutiefst sozialdemokratisch, das Schulsystem in Rheinland-Pfalz eben nicht in eine plattgemachte Bildungslandschaft zu verwandeln. Es muss gelingen, jeden dort abzuholen, wo er steht. Solange das gelingt, hat es jede/r letztlich selbst in der Hand, aus seinem Leben etwas zu machen, wenn sie/er das auch ernsthaft möchte.

    Was das mit dem Fall Sarrazin zu tun hat? Nun, mir wäre eine klar sich von ihm distanzierende inhaltliche Auseinandersetzung lieber gewesen. Sich an kritischen Köpfen innerparteilich „zu reiben“, hat dem Diskurs noch nie geschadet. Ich kann aber auch diejenigen verstehen, für die Sarrazin den Bogen dieses Mal überspannt hat.

  9. Ein freundliches Hallo in die Diskussionsrunde!

    Neben den vielen bereits aufgegriffenen Diskussionspunkten möchte ich noch eine generelle Anmerkung hinsichtlich Integration hinzufügen.
    Während bundesweit bei Veranstaltungen wie dem Integrationsgipfel oder auch in diesem Bloq interessante Konzepte vorgestellt und diskutiert werden, wird oftmals vergessen, dass nahezu sämtliche Planungen für Personen mit Migrationshintergrund entweder auf der Datengrundlage des Statistischen Bundesamtes und der teilhabenden Statistischen Landesämtern oder auf „gefühlten“ Werten basieren. Zumindest die statistischen Berechnungen basieren auf dem Mikrozensus und stellen demnach Hochrechnung dar. Es handelt sich hierbei sicherlich um eine äußerst seriöse Datengrundlage, jedoch werden die Ergebnisse lediglich für ausgewählte (größere) Städte aufbereitet. Insbesondere auf Ebene von kleineren Städten, Stadtteilen, Quartieren oder bezogen auf soziale Brennpunkte existiert keine offizielle Datengrundlage.
    Zieht man nun in Betracht, dass die Integrationsarbeit unter anderem durch kommunale Einrichtungen getragen wird, stellt sich schnell die Frage auf welcher Datengrundlage Planungen und Entscheidungen in diesem Fachbereich getroffen werden. An dieser Stelle soll nicht in Frage gestellt werden, ob ein kommunaler Integrationsbeauftragter seinen Aufgabenbereich gut betreut, sondern herausgestellt werden, dass eine genaue Planungsgrundlage eine Vielzahl kommunaler Fachbereiche unterstützen und gleichzeitig Kosten einsparen kann.

    Beispielhaft seien hier nur ein paar wenige Fragenkomplexe angesprochen, die die Notwendigkeit einer exakten Datengrundlage aufzeigen:

    Welche Bevölkerungsgruppe ist quantitativ am stärksten unter den Migranten vertreten? Personen mit türkischem, kasachischem, griechischem (etc.) Hintergrund? Wie verteilen sich diese auf die Stadtteile und Quartiere der Stadt XY?

    In welchem Stadtteil ist der Anteil von Kindergartenkindern mit Migrationshintergrund am höchsten und welche nationalstaatlichen Prägungen dominieren? Welche konkreten Sprachangebote sind in welchem Stadtteil am nötigsten?

    In welchem Quartier wohnen die meisten Senioren mit islamisch geprägtem Hintergrund? Wird kultursensible Pflege benötigt?

    In welchen Altersklassen spielt sich das Wanderungsgeschehen ab? Ziehen verstärkt junge Migrantenfamilien mit Kindern in die Stadt XY oder neigt diese Gruppe eher dazu, die Kommune zu verlassen?

    Welche sozialstrukturelle Durchmischungen bzw. Bewegungen ergaben sich hinsichtlich Personen mit Migrationshintergrund durch innerstädtische Umzüge? In welchem Quartier sind Segregationstendenzen erkennbar?

    Am Rande noch erwähnt:
    Über das Merkmal Staatsbürgerschaft lässt sich nur ein Teil der Personen mit Migrationshintergrund identifizieren! Viele Kommunen arbeiten aber lediglich mit diesen Informationen, da keine anderen zur Verfügung stehen.

    Es darf nicht vergessen werden, dass die Gruppe der Personen mit Migrationshintergrund in vielerlei Hinsicht nicht homogen ist. Ein interessantes Detail ist beispielsweise der individuelle, nationalstaatliche Hintergrund einer Migrantin oder eines Migranten. So sollten daher bei der Debatte Deutsche mit Migrationsgrund nicht vergessen werden.

    Beste Grüße

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