Rente mit 67 – gegen starre Altersgrenzen (ein Beitrag von Kurt Beck)

Meine Überzeugung bei diesem so wichtigen Thema ist: Es kann kein prinzipielles Abweichen vom Renteneinstieg mit 67 mehr geben. Die Entscheidung war richtig, um die jüngere Generation nicht zu stark zu belasten und um ein Gleichgewicht zwischen Rentnern / Rentnerinnen und Beitragszahlern anzustreben.
Ebenso gilt aber auch: Einige körperlich und psychisch besonders belastete Berufsgruppen können erwiesenermaßen nicht bis 67 arbeiten – schon heute nicht bis 65. Sie trifft ein vorzeitiger Renteneinstieg wie eine Rentenkürzung.

Zwei Aspekte sind dabei entscheidend:

– Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit hoher körperlicher und psychischer Belastung gehen heute zu 60% in Vorruhestand oder arbeiten nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter.

– Von den Männern, die 2009 in Rente gegangen sind, war zuvor ein Fünftel in Altersteilzeit bzw. Vorruhestand.

Für bestimmte Berufsgruppen muss deshalb ein vorzeitiger Renteneinstieg ohne erhebliche Abschläge möglich sein. Dazu müssen auch Arbeitgeber ihren Beitrag leisten.
Ziel jeder Verbesserung beim flexiblen Renteneinstieg muss die Vermeidung von Altersarmut sein. Die Rentenanwartschaften müssen für langjährig Versicherte über dem Niveau der Grundsicherung liegen. Daher habe ich vorgeschlagen, dass während der Erwerbsphase ein individuelles Rentenkonto angespart werden kann. Dies soll über tarifliche Spielräume entstehen.

Die vom SPD-Parteivorstand eingesetzte Kommission prüft aber auch weitere Lösungen wie die Wiedereinführung der Rente nach Mindesteinkommen, die Verbesserung der Teilrente und des Zugangs zur Erwerbsminderungsrente.

Schlussbemerkung: Die Diskussion über die „Rente mit 67“ ist zu wichtig, um der Emotionalität den Vortritt vor der Sachlichkeit zu geben. Ich freue mich auf Ihre Beiträge zu diesem Thema.

Kurt Beck
Landesvorsitzender der SPD und Ministerpräsident

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9 Antworten zu Rente mit 67 – gegen starre Altersgrenzen (ein Beitrag von Kurt Beck)

  1. thomashitschler schreibt:

    Als Vertreter der „jungen Generation“ melde ich mich bei diesem spannenden Thema natürlich auch zu Wort.

    Ich stimmte der Grundrichtung von Kurt Beck voll und ganz zu. Das Thema Rente muss ausreichend flexibel aber auch ausreichend realistisch betrachtet werden. Die Idee eines individuellen Rentenkontos erscheint mir sehr gerecht und vor allem nahe an der Realität. Viele Akademiker kommen bis 67 nicht auf genügend Erwerbsjahre, viele, die früher in das Arbeitsleben eingestiegen sind, erreichen diese Zahl weit vor der magischen Grenze von 67. Hier sind wir auf der Such nach einer solidarischen Lösung und ich finde, der Ansatz von Kurt Beck geht in die richtige Richtung.

    Ich habe zu den Ausführungen von Kurt noch zwei ergänzende Vorschläge zur engeren Ausgestaltung. Aspekte, die etwas spezieller zu sein scheinen, aber durchaus ausgeführt werden sollten.

    1. Wir müssen der älteren Generation ein erstrebenswertes Leben nach „67“ ermöglichen. Damit meine ich die Möglichkeit einer aktiven Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Gebraucht werden und nützlich sein! Wir sollten uns überlegen, ehrenamtliche Anreize für diejenigen zu schaffen, die trotz Überschreitung des Renteneintrittsalters engagiert bleiben möchten. Unser gemeinschaftliches Zusammenleben bietet so viele Möglichkeiten, die man offen lassen sollte. Ehrenamtlicher Einsatz bei der Kinderbetreuung, unterstützende Tätigkeit bei der Krankenpflege, ehrenamtlicher poltischer Einsatz und so vieles mehr… UND: wer jetzt schreibt, „der Hitschler will die Alten ausbeuten“ sollte noch mal ein wenig Nachdenken.

    2. Wir müssen aufhören, von einer „Überalterung der Gesellschaft“ zu sprechen. Es gilt, sich der zunehmenden „Unterjüngung“ anzunehmen. Sprich, meiner Generation Anreize zu schaffen, um Familien zu gründen und Kinder in die Welt zu setzen. Ohne eine starke nachwachsende Generation müssen wir uns über Renteneintrittsalter keine Gedanken machen. Dann lässt sich eine Rente auch nicht mehr finanzieren. Investitionen in Bildung und Kinderbetreuung sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

    Fazit: Die Rente mit 67 muss ausreichend flexibel umgesetzt werden. Wir müssen Instrumente schaffen, um für die ältere Generation eine befriedigende Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen und gleichzeitig Anreize schaffen, um der „Unterjüngung“ entgegen zu wirken.

  2. Christian Schreiber (Student Dipl. Sozialwissenschaften an der Universität Landau) schreibt:

    Ich stimme auch der Grundrichtung sowohl von Kurt Beck, als auch von Thomas Hitschler zu. Besonders gefallen hat mir die Betonung des Aspektes der zunehmenden „Verjüngung“. Auch als ein Verteter der „jüngeren Generation“ glaube ich, dass der Schlüssel für einen langfristigen Erfolg nicht darin liegt sich den Kopf zu zerbrechen, wie das System finanziert werden kann (kurzfristig muss dies natürlich auch gelöst werden, bedenkt man den „Kohorteneffekt“), sondern welche Anreize geschaffen werden können, dass junge Menschen wieder Kinder bekommen. Hier spielt die Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine wichtige Rolle, aber auch die Investition in Bildung und Kinderbetreuung, wie es bereits Thomas Hitschler in seinem Beitrag erwähnte.
    Dennoch soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Politik, als besonderer Problemadressat aller anderen Teilsysteme der Gesellschaft, bei der Lösung dieses Problems nicht alleine gelassen werden kann. Denn die Herausforderungen in Bezug auf unser Rentensystem sind meiner Meinung nach eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Nicht nur Unternehmer oder Politiker, sondern alle sind gefordert diese Herausforderung zu meistern. Die Thematik ist für eine einfache Lösung zu komplex. So appeliere ich besonders an meine Generation diese Herausforderung anzunehmen und alles dafür zu tun unseren Eltern einen schönen Lebensabend zu bescheren. Schließlich haben sie alles dafür getan, dass wir eine unbeschwerte und schöne Kindheit hatten. Gehen wir also die Probleme gemeinsam, als gesamte Gesellschaft an, auch für die nachfolgenden Generationen.

  3. Florian Maier schreibt:

    Ich möchte gerne auf zwei Dinge hinweisen. Bei allem anderen stimme ich voll zu, von daher lohnt es sich nicht nochmal alles zu wiederholen.

    Unbestritten ist es nicht möglich jeden Beruf bis zum 67. Lebensjahr auszuüben. Auf den Handwerker trifft dies genauso zu wie auf Sigmar Gabriels Beispiel von der Krankenschwester, die mit 60 keinen Patienten mehr dreht. Wir sollten aber auch nicht unter den Tisch fallen lassen, dass der ein oder andere evtl. ab einem bestimmten Alter ein anderes Tätigkeitsfeld zugewiesen bekommen könnte, wenn es sein Gesundheitszustand erlaubt. Klar, dass das nicht immer geht, aber auch diese Möglichkeiten sollten immer mitgedacht werden.

    Dass die Bedingungen zur Familiengründung opitimiert werden sollten, ist auch logisch, wenn es um den demografischen Wandel geht. Ich fürchte nur, dass der Staat da über ein Anreizsystem nur eingeschränkt was machen kann. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist nach meiner Einschätzung gar nicht so sehr von staatlichen Leistungen abhängig (außer sie sind miserabel/nicht vorhanden). Ich habe z.B. noch nie jemanden sagen hören: „Für 100€ mehr im Monat hätten wir schon Kinder.“ oder „Wir bekommen jetzt ein Kind, weil ich dann 3 Monate länger zuhause bleiben kann.“ Ich will keine weiteren Überlegungen anstellen wie man das gesellschaftliche Klima verändern könnte, weil das dann nicht mehr zum Thema der Diskussion passt.

  4. Christian Schreiber (Student Dipl. Sozialwissenschaften an der Universität Landau) schreibt:

    Den ersten Punkt auf den Florian Maier hinweist, halte ich für sinnvoll. Letztendlich muss aber auch hier bedacht werden, dass allein durch eine Umschulung noch kein gesichterter Arbeitsplatz auf einen wartet. Nehmen wir an die Person ist ca. 50, erlernt einen neuen Beruf und verfügt über 0 Jahre Prxiserfahrung. Nach heutigem Stand würde man der Person wohl wenig Chancen einräumen.
    Der zweite Punkt, dass der Staat alleine nur wenig ausrichten kann, stimme ich natürlich voll und ganz zu (andere Teilsysteme sind auch gefordert). Dass die Ursachen vielfältig sind, möchte ich mit einer kleinen Aufzählung aus dem Buch „Die Sozialstruktur Deutschlands“ von Rainer Geißler untermauern.
    Diese können u.a. sein:

    * Funktions- und Strukturwandel in der Familie
    * Emanzipation und „Enthäuslichung“ der Frau
    * Konsumdenken und anspruchsvoller Lebensstil
    * Scheu vor langfristigen Festlegungen
    * Emotionalisierte und verengte Paarbeziehungen
    * Zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von Kinderlosigkeit
    * Gestiegene Ansprüche an die Elternrolle
    * Rationalisierung und Familienplanung

    Meiner Meinung nach zeigen die Punkte, dass es eben doch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und deswegen die Diskussion, um das gesamtgesellschaftliche „Klima“ unumgänglich ist und sehr wohl zu dem Thema passt. Ich kenne zumindest keinen Menschen, der nicht von dem Thema „Rente“ betroffen wäre. Die Ursachen für Kinderlosigkeit sind vielfältig, die Lösungen dafür müssen es auch sein. Ich glaube auch, dass dieses Thema nicht nur sachlich behandelt werden kann, sondern gewisse Emotionen braucht, schließlich geht es um eine Art Vision, wie wir unsere Gesellschaft verbessern können, da braucht es ein wenig Leidenschaft.

    • Sieglinde Rother schreibt:

      Ich frage mich, warum man sich auf ein Rentenalter festlegt und nicht andere Ideen entwickelt, die der Lebensrealität eher sntsprechen. So handeln doch die Gewerkschaften auch eigene Tarife aus, die nicht für jede Branche gelten. Warum also soll für jeden das Eintrittsalter bei 67 liegen? Krankenschwestern, Feuerwehrmänner, manche Handwerksbranchen zeigen doch jetzt bereits, dass dieses Eintrittsalter keinen Sinn macht. Nicht umsonst stellt man fest, dass viele Männer und auch Frauen lange vor diesem Alter arbeitslos werden.
      Außerdem ist es so, dass so mancher Mensch gerne länger arbeiten würde, ihm aber Hürden aufgerichtet werden, die dies unmöglich machen. Thomas, ich finde ehrenamtliche Arbeit gut und wichtig, aber sie darf nicht dazu führen, dass Arbeitsplätze gespart werden. Da wird eh schon genug Schindluder getrieben (1-€-Jobber!). Arbeit muss bezahlt werden – das hat Kurt bei seiner Neujahrsrede auch schon betont – und ich hätte gern, dass das nicht aus dem Blick gerät.
      Und diese 400€-Jobs sollten minimiert werden. Das würde auch dazu führen, dass mehr Menschen in die Rentenkassen bezahlen, aus denen sie nachher finanziert werden müssen.
      Eltern brauchen die Gewissheit, dass ihre Kinder gut – ich betone: gut! – aufgehoben sind, während sie das Geld für die Familie verdienen. Und sie müssen so untergebracht sein, dass eine Familie das Kind auch zu früher oder später Stunde bringen und/oder abholen kann. Heißt also: Sicherheit und Flexibilität in die Kinderbetreuung, dann trauen sich die Eltern „ran“;-). Warum geht das in anderen Ländern und in dem bürokratischen Deutschland nicht?

  5. Ich finde es gut, dass über ein so wichtiges Thema differenziert diskutiert wird. Kurt Beck bringt es dabei auf den Punkt, wenn er zum Einen darauf verweist, dass die Entscheidung zu einem Renteneinstieg mit 67 essentiell wichtig ist, und zum Anderen klar aufzeigt, dass längst nicht jede oder jeder tatsächlich mit 67 in Rente geht.
    Es wird in unserem Land immer Berufsgruppen und –zweige geben, in denen ein Renteneintrittsalter mit 67 Jahren illusorisch ist. Für eben jene Menschen haben wir aber eine Vielzahl an Möglichkeiten, realistisch mit den tatsächlichen Gegebenheiten umzugehen. Auch hierzu bietet Kurt Beck eine Vielzahl an Ansatzpunkten, die man in Zukunft noch verändern kann und muss.
    Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass die Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden müssen, ihren Mitarbeitern angemessene Arbeitsbedingungen, d.h.: altersgerechte Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.

  6. Torsten Ochsenreither schreibt:

    Ich denke beim Renteneintrittsalter sollte man sich an der Realität orientieren. Im Durchschnitt ist das in Europa knapp über 60 und in Deutschland 63 Jahre.
    Also spreche ich mich für ein Renteneintrittsalter für Deutschland von 63 Jahren aus, verbunden mit einem Bonussystem für eine längere Arbeitszeit, wie in Schweden oder Finnland.
    Diese Grundannahme, und davon geht man ja offensichtlich aus, dass die Meisten mit 67 Jahren mental und körperlich noch fit genug sind und ihren Beruf noch gerne ausüben wollen, finde ich unsozial und realitätsfremd.
    Eine früheres Renteneintrittsalter nur für bestimmte Berufsgruppen wird der Sache auch nicht gerecht sondern müsste dann individuell entschieden werden. Dieses gilt es auch bei einem Renteneintrittsalter von 63 Jahren.
    Realität ist doch, dass die meisten Menschen, die das Renteneintrittsalter nicht erreichen, von Kürzungen betroffen sind, wodurch der Staat viel Geld spart.
    Zu sagen, es gibt keine finanzierbare Alternative wird der Sache nicht gerecht. Warum geht es in anderen Ländern?

  7. Josef Rothe schreibt:

    Gerechtigkeit?

    Meine Generation wird es sein, die länger arbeiten muss, länger einzahlen muss und weniger herausbekommen wird. Wollte man wirklich gerecht sein, hätte man die aktuellen Renten kürzen müssen, aber dazu fehlte wohl der Mut.

    Und ja, das Thema ist zu ernst um emotional darüber zu debatieren. Aber es darf auch nicht vergessen werden, dass es nicht nur einzelne Berufsgruppen sind, die einem immer größer werdenden Leistungsdruck ausgesetzt sind und das bei stetig schrumpfenden Arbeitnehmerrechten.

    In den vergangenen 10 Jahren hat es insbesondere in den unteren Einkommensgruppen sogar ein Lohnrückgang gegeben. Damit einher geht auch eine Rentenkürzung. Diese Menschen werden doppelt bestraft.

    Nein lieber Kurt. So sehr ich auch sonst Deine Meinung teile. In diesem Punkt kann ich nicht sagen, dass die Rente mit 67 richtig war oder ist.

  8. Margitta Wichmann schreibt:

    Mein Mann ist 62 Jahre alt und arbeitet seit seiner Ausbildung als Dachdecker und wenn er von der Arbeit kommt, ist er körperlich fertig und ich weiß nicht wie lange er das noch aushält.
    Wir leben in den neuen Bundesländer. Der Verdienst war ja zu DDR-Zeiten sehr gering und ist jetzt auch niedriger als in den neuen Bundesländern.
    Entsprechend gering wird auch die Rente mit( ca 911 € brutto )ausfallen.
    Er kann mit 63 (und 3 Monaten) mit Abzügen in Rente gehen. Ich finde es nicht gerecht, daß von der wenigen Rente die man in den neuen Bundesländern erhält auch noch was abgezogen wird,
    Die Lebenshaltungskosten steigen ständig – für alle Bundesländer.

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